Alpencross - Haute Route (19)
28. März 2009 | Von Christoph Ebert | Kategorie: Alpencross mit Ski, Beliebteste ArtikelZermatt - Schönbielhuette
Von Zermatt aus steige ich unter der beeindruckenden Matterhorn-Nordwand zur Schönbielhuette auf. Mein Zeh schmmerzt heute mehr als zuvor, denn am Vorabend habe ich mich (endlich) erinnert, dass ich Puder zum austrocknen von Wunden in meiner Medizintasche habe. Es ist ein letztes Aufbäumen des kranken Zehs. Ab morgen wird er mir keine Probleme mehr bereiten. Ich bin bereits gegen 11 Uhr auf der Hütte. Als einziger Gast mache ich es mir bequem und entspanne den restlichen Tag.
Schönbielhuette - Cabane des Vignettes
Es ist eiskalt. Innen in der Hütte messe ich Null Grad, draußen ist es weit darunter. Zu kalt für meine Skifelle. Nach der kruzen Abfahrt auf den Zmuttgletscher bekomme ich sie nicht mehr an die Ski. Notdürftig improvisiere ich mit Klebeband und Draht, die ich für derartige Reparaturen mit mir führe. Etwa zwei Stunden später allerdings gibt auch die Notlösung den Geist auf. Ein Fell löst sich komplett vom Ski und gleitet den hang hinunter. Ich kann es gerade noch rechtzeitig mit dem Stock “fischen”. Das zweite Fell gerät fast gleichzeitig unter die Kante und ich rutsche einige Meter unkontrolliert den Hang hinab. Keine ungefährliche Situation. Obendrein befinde ich mich währenddessen in durch Eisschlag gefährdetem Gebiet. Eilig packe ich meine Felle in den Rucksack und fahre ab, bis zu einem sicheren Platz.
Heute leigen noch drei Pässe vor mir. Das bedeutet auch drei mal an- und abfellen. Falls ich das Problem nicht in den Griff bekomme, muss ich jetzt umdrehen, denn ohne Felle zwischen zwei Pässen gefangen zu werden könnte äußerst unangenhem werden…
Mittlerweile ist die Sonne aufgegangen und es etwas wärmer geworden. Für etwa 20 Minuten lege ich Ski und Felle in die Sonne, um sie zu erwärmen. Ich reibe die Gleitflächen noch einmal richtig warm - und die Steigfelle haften wieder! Mit etwas Verspätung kann ich meinen Weg fortsetzen.
Cabane des Vignettes - Cabane des Dix
Die Haute Route macht ihrem Ruf überlaufen zu sein alle Ehre. Stoßweise begegnen mir Gruppen von bis zu 15 (!) Mann. Allerdings ausnahmslos in Richtung Zermatt. In Ost-West-Richtung bin ich weiterhin allein unterwegs. Viele der Entgegenkommenden sind erstaunt, einen Einzelgänger über die weiten Gletscher laufen zu sehen. Ich allerdings empfinde die hinter dem Führer zur Schau gestellte Sicherheit als trügerisch… jedem das Seine. Zumindest solange das gute Wetter anhält, bin ich auf den von den Gruppen völlig verspurten Hängen sicher.
Mit 3796 Metern (6m höher als der Adlerpass) steht mit der Pigne dArolla heute der offiziell höchste Punkt der Haute Route auf dem Programm. Die Aussicht ist fantastisch. Störend sind lediglich die regelmäßigen Helikopterlandungen, da an diesem Gipfel auch Heliskiing betrieben wird…
Cabane des Dix - Verbier
Ich bin mir nicht sicher, wie lange das gute Wetter noch anhält. Die Zeichen stehen auf Schnee. Ich beschließe deshalb, eine Vorsichtsmaßnahme einzubauen. Anstatt des direkten Weges gehe ich über die Cabane de Prafleuri. Falls das Wetter umschlägt, kann ich dort auf halbem Weg Schutz suchen. Ein weiterer Vorteil der Routenänderung ist, dass nun mit der Rosablanche ein weiterer herrlicher Skigipfel auf meinem Weg liegt… Leider wird auch hier Heliskiing betrieben, so dass auch dieser Gletscher beinahe pistenähnliche Verhältnisse aufweist; heute aber zeugen davon nur die Spuren. Wohl aufgrund des Wetters lässt sich kein Heli blicken. Es ist beinahe gespenstisch, vollkommen alleine in einem Meer aus Skispuren zu wandern. Ein paar Meter unter dem Gipfel muss ich die Ski zurücklassen. Im Gegensatz zur Pigne, stehe ich diesmal mutterseelenallein auf dem Gipfel. Lange Zeit, dies zu genießen bleibt mir aber nicht, denn der Himmel wird immer schwärzer und nach einer kurzen Abfahrt muss ich noch ein letztes Mal zum Col de Chaux ansteigen. Ich habe heute bereits über 20 Kilometer und etwa 1600 Höhenmeter in den Knochen, die ich bis Mittag “durchrannt” habe. Der finale Anstieg wird dadurch zum Martyrium. Danach aber geht es endlich direkt hinab nach Verbier. Insgesamt hatte ich heute eine Abfahrt von über 3000 Höhenmeter!
Abends in Verbier beginnt es zu schneien. Bis zum nächsten Morgen etwa 30 cm. Ich beschließe, besseres Wetter abzuwarten, bevor ich mich ins Mont Blanc Massiv wage, vor dessen Wetterkapriolen ich höchsten Respekt habe. Und wer weiß: falls ich ein Schönwetterfenster erwische ist vielleicht sogar der Gipfel möglich - sozusagen als Krönung meiner Tour.