Alpencross - Chamonix (20)

1. April 2009 | Von Christoph Ebert | Kategorie: Alpencross mit Ski
leadimage

Die letzte Etappe der Haute Route hat es noch einmal in sich… aber fangen wir wieder am Anfang an: In Verbier angekommen schneit es die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag hindurch. Ich denke gar nicht daran, weiter zu ziehen, sondern will die Schlechtwetterphase erst abwarten. Über Verbier selbst brauche ich nicht viele Worte verlieren. Graffitis mit Slogans wie: „In Verbier wie speak French. Thanks.“ sprechen für sich. Hat mich bereits der Tourismus in Lech geschockt: Verbier ist schlimmer.

Für Freitag ist nach drei Tagen Dauerschneefall schließlich eine kurzfristige Wetterbesserung angesagt. Ich beschließe, mich in Stellung zu bringen, um diese ausnutzen zu können. Als ich morgens aus dem Fenster sehe, scheint das Wetter dann auch tatsächlich aufzuklaren. Ich sehe meine Chance und starte zur Cabane du Trient.

Zunächst geht es in sanfter Steigung durch das Val d’Arpette. Leider bemerke ich im engen Tal nicht, dass sich über den Gletscherflächen schon wieder das Unheil zusammenbraut. Kurz unterhalb des Col des Ecandies trifft mich der Wind zum ersten Mal. Über den Pass hinüber fegt er ins Tal herab, prallt an den umliegenden Felswänden ab und stürmt den Berg wieder hinauf. Vermischt sich mit den entgegenkommenden Winden. Nimmt Schnee vom Boden auf. Bildet Wirbel. Scheint von allen Seiten gleichzeitig zu kommen…

Nach kurzem Abstieg hinter dem Col geht es in einer Felsrinne am Gletscherrand knackig steil wieder hinauf. Vor allem aber hat der Wind in dieser Rinne enorme Schneemassen angehäuft. Für die Tourenski ist es zu steil. Ohne versinke ich bis zur Hüfte im Schnee. Und stehe nach jedem Schritt wieder wie vor einer senkrechten weißen Wand. Schimpfend und fluchend arbeite ich mich zentimeterweise die Rinne hinauf, während der Wind vom Gletscherplateau erbarmungslos herabpfeift. Die Ski auf meinem Rücken wirken wie Segel und peitschen je nach Windrichtung von links nach rechts. Während ich mit Karte und meinem  Garmin GPS hantiere, um mich im immer dichter werdenden Schneetreiben fern von den Gletscherspalten halten zu können, baumeln meine Fäustlinge lose am Handgelenk. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit und eine Windböe füllt sie fast komplett mit losgerissenem Schnee auf. Vor Wut schreie ich lauthals in den Wind. Verfluche den Berg, das Bergmassiv. Verfluche sämtliche Berge der Welt. So sehr bin ich gefangen im Kampf mit Wind und Schnee, dass ich kaum merke ich, wie es langsam flacher wird, während ich aufs Trient-Plateau hinaustrete.

Im Schutz der Hütte angekommen, hat der Sturm fast etwas gemütliches: wie er mit den Fensterläden schlägt, am Fahnenmast rüttelt, gegen die Wände donnert. Hätte etwas gemütliches, wären da nicht die Funksprüche, die der Hüttenwirt empfängt: Zwei Gruppen sind, von Chamonix her kommend, noch im Sturm unterwegs. Norweger und Briten, mit ihren Bergführern, die sich über Funk unterhalten. Die Norweger beschließen gerade umzukehren. Die Briten sind bereits über dem Pass und wollen sich zur Hütte durchschlagen. Es ist längst dunkel, als wir ihre Kopflampen endlich aus den Felsen heraus auf den Gletscher treten sehen. Einsame, schwache Lichtlein in einer sturmgepeitschten Schneewüste.

Am nächsten Morgen stürmt es noch immer. Die Sicht geht gegen Null und es schneit. Die Briten fahren ab. Ich bleibe. Niemand steigt bei diesem Wetter zur Hütte auf, so dass ich wieder einmal der einzige Gast bin. Bis Sonntag fallen (geschätzte) weitere 20 cm Neuschnee. Nach dem Frühstück sitze ich am Fenster und beobachte die weiße Masse. Mein Rucksack ist gepackt. Ich bin bereit los zu gehen. Als Startsignal gilt es mir, wenn ich die auf der anderen Seite des Gletschers liegenden Aiguilles Dorées sehen kann. Gegen neun Uhr schließlich schälen sie sich langsam aus dem Nebel heraus: schwarzer Fels, der aus dem Eis wächst. Ich bin unterwegs. Und diesmal hält das Wetter, was es verspricht. Eine letzte schwierige Passage am sehr steilen Col de Chardonnet. Gruppen seilen sich hier für gewöhnlich ab. Im Aufstieg ist es zwar etwas angenehmer, aber der Schnee ist immer noch sehr tief. Ich gehe dazu über, meinen Aufstieg zu säubern. Das bedeutet, bevor ich weiter hinauf steige, fege ich sämtlichen Neuschnee über mir herab. Eine zeitaufwändige und kalte Tätigkeit, aber anders geht es nicht… Dann geht es den Glacier de Chardonnet hinab. Die Tourenbeschreibung hat nicht gelogen: gut 800 Höhenmeter optimal geneigte Skihänge. Mit der weichen Neuschneeauflage fühlt es sich an, wie auf Watte zu schweben.

Während der Abfahrt begegnen mir noch mehr Gruppen, als üblich. Vermutlich all diejenigen, die ihre Haute Route am Samstag starten wollten und verschieben mussten. Eigentlich sollte ich von allen ein Bier verlangen, weil ich netterweise den Col de Chardonnet für sie freigeräumt habe… aber dann würde ich wohl restlos besoffen den Hang hinabrollen.

In Chamonix treffe ich mich mit meinem Eltern. Nachdem die „Versorgungsfahrt“ nach Andermatt ausfiel, gibt es nun zum ersten Mal frische Klamotten. Sie sind mit dem Wohnmobil hier und werden mich nach hoffentlich erfolgreicher Ankunft in Grenoble wieder mit nach Hause nehmen. Das Wohnmobil weiß ich sehr zu schätzen, denn jetzt kann ich meinen Weg fortsetzen – und bei erfolgversprechendem Wetter in Null komma nix zurück am Mont Blanc sein. Denn seien wir ehrlich: wann werde ich je wieder so gute Voraussetzungen haben, um den Mont Blanc auf Ski abzufahren? Die Gletscher sind tief verschneit. Ich bin perfekt akklimatisiert. Und ich bin… naja nicht mehr unbedingt fit, aber… gewöhnt.

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3 Kommentare
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  1. Guten Tag,

    Ich bin zurzeit in Suetirol im urlaub wo ich Herrn und Frau Arnold die sie kennen getroffen haben. Sie haben mir von ihrem fantastischen Abenteuer erzaehlt. Da ich Schweizer bin und in Sembrancher ( zwischen Verbier und Champex gelegen ) wohne und die Walliser Alpen naturerlich sehr gut kenne, bin ich sehr an ihrer Reise interessiert. Mich nimmt es zusaetzlich Wunder, wie sie mit den Skiern von Verbier bis zum Val d’Arpette gegangen sind.

    Ich werde Ihre Reise weiter verfolgen und wuensche Ihnen viel Glueck.

    Michael Bernhard

  2. Hallo.

    Die Etappe von Verbier bis Champex (über Sembrancher) ist wirklich nicht angenehm. Ich habe meine dreitägige Schlechtwetterpause dafür genutzt… Empfehlen kann ich aber nur, für diese Etappe den Zug zu verwenden ;)

    Vielen Dank, für Ihre Glückwünsche und beste Grüße nach Sembrancher!

    Christoph Ebert

  3. Hallo Christoph,

    wir haben Dich auf der Cabane de Trient getroffen und waren von Deinem Vorhaben echt sehr beeindruckt. Schön, dass Du es geschafft hast. Glückwunsch und Respekt für diese Tour!!! Da war unsere Haute Route ja ein Spaziergang im Vergleich.

    Schöne Grüße

    Sebastian

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