Alpencross - Am Ziel (22)
9. April 2009 | Von Christoph Ebert | Kategorie: Alpencross mit SkiDie Durchquerung der Chartreuse beginnt so, wie es für dieses abweisende Gebirge üblich ist: auf engen, ausgesetzten Pfaden. Vielfach über Seile versichert, kleben die Wege an den glatten Felswänden, mehrere hundert Meter senkrecht über dem Erdboden… Schon im Sommer aufregend und einzigartig, stockt mir jetzt im frühen April mehrfach der Atem. Denn die Wege sind teilweise von Stein- oder Schneelawinen fortgerissen und Seilsicherungen sind oft tief im Schnee vergraben. Außerdem behindern zahlreiche umgestürzte Bäume und Schlammrutsche mein Fortkommen ungemein. Der Naturpark Chartreuse ist – obwohl der Spielplatz Grenobles – noch immer ein urtümliches und ungezähmtes Gebirge. Gerade noch auf einer schönen Lichtung steht man im nächsten Moment über einem klaffenden Schlund. Namensgebend für dieses Gebirge waren die Karthäuser-Mönche. Schweigegelübde und Rückzug aus der Welt sind deren Basisprinzipien. Hier haben sie den optimalen Platz dafür gefunden.
Passend zur mythischen Aura der Chartreuse steige ich die ersten Meter im Nebel herauf. Hin und wieder gibt der weiße Vorhang hohe Felssäulen oder steile Abgründe preis. Stetig wechselnd bewege ich mich auf einer Unterlage aus nassem Laub, noch nässerem Schnee und einer im Schlamm angerührten Mischung aus beidem. Kurz bevor ich die Felsflanke verlasse und aufs Plateau hinaustrete lichtet sich der Nebel komplett und gibt die Welt unter mir frei: ein Blick, wie von einem hohen Turm, so abrupt fällt die Wand ins Tal hinunter.
Ich habe mich entschieden, für die Durchquerung meine Skier zurück zu lassen und das letzte Stück meiner Reise mittels Schneeschuhe zurück zu legen. Meiner Meinung nach, die angemesseneren Fortbewegungsmittel auf einem Hochplateau, wo es zwar nur geringe Höhenunterschiede (meist zwischen 1400 und 1800 Metern) zu überwinden gibt, es dafür aber ständig bergauf und bergab geht. Auf dem Plateau selbst liegt noch immer ein guter Meter Schnee. Gegen fünf Uhr abends bereite ich meinen Zeltplatz vor. Ich bin nur etwa halb so weit gekommen, wie geplant, aber ich bin dennoch zufrieden und denke, morgen in einem letzten Gewaltmarsch Grenoble erreichen zu können.
Während mein Essen kocht, lehne ich mich zurück und genieße meine letzte Nacht auf Wanderschaft. Weit weit entfernt im Tal sticht eine Kirchturmspitze aus den Wäldern hervor. Das einzige Anzeichen menschlicher Präsenz in diesem Teil der Welt. Das gleichmäßige Brummen meines Kochers erfüllt die Luft, während die Sonne sich langsam rot färbt und hinter den Gipfeln versinkt. Alles was zum glücklich sein nötig ist, ist in diesem Moment hier um mich herum. Es passt alles in einen Rucksack - und ist gleichzeitig nicht mit dem Blick zu fassen… Meine letzte Nacht, bevor ich vom „Nomadentum“ wieder ins „echte“ Leben zurückkehren muss, ist für mich zugleich eine Art Abschied. Eine letzte Nacht bin ich fern von den alltäglichen Sorgen und Problemen. Fern von Versicherungen und Banken, von Vermietern und Polizisten, von Verkehr und Lärm. Alles, was in den Städten wichtig scheint, ist so nichtig hier oben. Während die letzten Sonnenstrahlen meine Wangen streicheln, mache ich meinen Frieden mit der Welt. Von mir aus kann die Tour morgen enden, die Erinnerungen werden noch lange anhalten. Zufrieden krieche ich in meinen Schlafsack und lausche noch ein paar Minuten den zwitschernden Vögeln.
Als ich am nächsten Morgen erwache kommt wieder einmal alles anders, als ich dachte… Ich komme nur sehr mühselig voran und stehe am Ende des Tages weiterhin fast 20 Kilometer von Grenoble entfernt. Ich muss noch eine weitere “letzte” Nacht anhängen.
Zwischen den Baumstämmen hindurch glitzert die hoch stehende Sonne und verspricht das Ende des Waldes in wenigen Metern. Blinzelnd trete ich aus dem Wald auf den Gipfelgrat des Mont St. Eynard heraus. Es ist Sonntag, 6. April 2009, 12:33. Ich sehe GRENOBLE. 44 Tage Wanderschaft liegen hinter mir – alles für diesen einen Moment, in dem ich auf den Grat hinaus trete und auf die selbsternannte Alpenhauptstadt hinab blicke. Die Aussicht ist wie immer atemberaubend, denn trotz seiner moderaten Höhe von nur etwa 1300 Metern überragt der Mont St. Eynard Grenoble mit seiner fast senkrecht stehenden Südostwand um satte 1000 Höhenmeter… Auch wenn der Weg das Ziel ist: anzukommen hat auch etwas für sich. Gemütlich setze ich meinen Weg fort, auf dem mir nun immer mehr und mehr begegnen. Wanderer, Picknicker, Drachenflieger, Kletterer. Bei herrlichem Wetter scheint sich die ganze Stadt hier oben zu einem großen Fest versammelt zu haben. Die nächsten drei Stunden marschiere ich sehr gemütlich. Teilweise gemeinsam mit einem älteren Herrn, der für eine Wanderung Grenoble – Côte d’Azur im Mai trainiert diskutierend. Teilweise tief in Gedanken versunken. Das Ende eines langen Weges ist gekommen und das muss erst einmal aufgenommen werden… Gegen 15Uhr erreiche ich schließlich die Bastille, eine alte Festung, untrennbar mit dem Stadtgebiet verwoben und zugleich, etwa 200m darüber, die letzte künstliche Bastion, die Stadt und Berge voneinander trennt. Mit einem Eis setze ich mich auf die Mauer und lasse den Blick über die Stadt schweifen… Der Anblick ist gewohnt. Die Stadt hat sich nicht verändert. Und dennoch sehe ich alles irgendwie mit anderen Augen.